Endlich: Berlin wird Paris!
Paris ist eine Weltstadt. Berlin ist.. nun ja. Paris hat die Champs Elysées, Berlin den Kurfürstendamm und die Friedrichstrasse. Und dann wählte Paris, als bekenne es sich damit zu seiner Weltläufigkeit und gegen den konservativen Kleingeist, den "offen schwulen" Bertrand Delanoe zum Bürgermeister. Seit dem vergangenen Wochenende aber ist klar: auch Berlin hat Ambitionen. Wenn alles, wie angekündigt, läuft, wird mit Klaus Wowereit (SPD, 47 Jahre alt) ein nunmehr bekennender Schwuler am 16. Juni Regierender in der deutschen Hauptstadt.

Klaus Wowereit "ist der erste deutsche Spitzenpolitiker, der sich traut". So schrieb, einigermassen heuchlerisch, die "BILD"-Zeitung, ganz so, als sei das Bekenntnis des SPD-Spitzenkandidaten vollkommen unerwartet und freiwillig erfolgt. Harald Martenstein mutmasste im "Tagesspiegel" vom 12.6., das ach so liberal sich gerierende Springer-Blatt hätte Wowereit sogar selbst die Pistole auf die Brust gesetzt: "Wenn DU dich nicht outest, dann outen WIR dich.".

Wie auch immer: Klaus Wowereit hatte wohl Grund genug, davon auszugehen, dass gleich nach seiner Nominierung eine Schmutzkampagne gegen ihn gestartet würde. Andeutungen dafür gab es genug: So erklärte der neue CDU-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus, Frank Steffel, Wowereit sei dem Bürgermeisteramt "charakterlich nicht gewachsen". Der SPD-Kandidat war angreifbar, er wusste das, und er hat, das ist lobenswert, die einzig richtige Konsequenz daraus gezogen.

"Ich bin schwul, und das ist gut so!", verkündete er den versammelten SozialdemokratInnen, und die, so berichtete die "Berliner Zeitung", hätten dies "mit Begeisterung aufgenommen". Trotz des beschriebenen Drucks war das dann doch ein mutiger Schritt. Und das Kalkül des Boulevards und der CDU könnte nach hinten losgehen: "BILD-online" stellte seinen LeserInnen die Frage: "Würden Sie sich durch die Homosexualität eines Politikers beeinflussen lassen?". 65 % kreuzten die Antwort an: "Sein Mut beeindruckt mich; ich würde ihn jetzt eher wählen.".

Ob da wohl der LSVD seine Hand im Spiel und in einer Rundmail zum Ankreuzen ebendieser Antwort "A" aufgerufen hatte? Nein, keine Paranoia! Alles wird gut! Und wir glauben daran, dass selbst die "Schultheiss-Berliner" in den vergangenen zwanzig Jahren etwas dazugelernt haben. Vielleicht sollten wir, auch wenn wir der SPD-Politik noch so kritisch gegenüberstehen, zumindest dies hoffen: dass Klaus Wowereits "Befreiungstat" in Berlin genauso gut ausgeht wie die Kandidatur von Bertrand Delanoe in Paris: Homosexualität war KEIN Thema mehr und eben auch kein Anlass für persönliche Diffamierungen von Seiten der Rechten.

Auf den Internet-Seiten der SPD ist übrigens bisher kein Wort zu dem aufsehenerregenden Bekenntnis Wowereits protokolliert. Die Sozialdemokraten haben offenbar einmal wieder Angst vor der eigenen Courage.

-- von Sascha Berlinskij

Yo
Wauwi: Kann es sein, dass Du bürgerlich nostalgisch diesem "gewissen Flair" Paris anhängst? Ich persönlich finde Paris, ist anders schön als Berlin. Und der Champs Elysées ist ungefähr so daneben wie der Kurfürstendamm. Und die Friedrichstrasse ist ja nun das allerletzte, außer dem franz. Einkaufsbunker hat die doch nichts zu bieten, keine Bäume, keine Straßencafés, also der Vergleich hinkt.  
Lore: Gestern wurde ich in der "Rattenbar" von einer Hete gefragt, ob wir "Schwulen" jetzt alle SPD wählen würden? Ich fand das strukturell homophob, auch wenn ich dem Frager nicht böse sein konnte. Wowereits Verhalten beweist also andererseits eben auch, dass es Homophobie als ernst zu nehmend Größe noch gibt, allem Zeitgeistgeschwätz zum Trotz.  
Ulf: Lieber Sascha, ich war lange nicht mehr auf diesen Seiten, weshalb nur bist Du in eine so lobhudelnde, bittstellende Bückhaltung gekrochen, komm' steh wieder auf, er hat nur gesagt, dass es er ein Arschficker ist oder sich ficken lässt oder noch ganz andere Spielchen macht. (Über 40 macht doch keiner mehr Blümchensex.) Lore, ich muss Deinem Fragenden recht geben, wenn ich diese Hymne hier lese.  
nuckel: ulf, es gibt oben zwei positive etikettierungen: "lobenswert" und "dann doch ein mutiger schritt". beide sind unsinn, da stimme ich dir zu. aber ist das schon lobhudelei? eher doch: reingefallen, der springerbildsprache auf den leim gegangen. auf (öffentliche) handlungen von politikern passen nicht die selben eigenschaftswörter wie bei oma kasulkes nachbar. warum soll man jemanden mutig nennen, dessen beruf ist, alles zu tun um eine wahl zu gewinnen und der dann auch alles dafür tut? wo ist der mut? und warum soll wahlen gewinnen wollen lobenswert sein? sag, sascha.  
Lore: nuckel, der mut besteht darin, etwas zu tun, wovon er nicht genau weiß, ob er damit die wahlen gewinnen wird. diese risiko-abwägung haben wir alle in anderen situationen auch. und an ulf: wenn du mich mit sasche in sippenhaft nimmst, weil wir beide schwul sind, ist das homophob.  
Sascha B.: Lieber Ulf, liebes nuckel, eine "Bückhaltung" gegenüber Wowereit kann ich in meinem Text nicht erkennen. Es GIBT aber einen Unterschied zwischen ihm und z.B. Bernhard Vogel. Unter Druck gesetzt reicht der Verleumdungsklagen ein, während Wowereit sagt: Ja, na und?, ist doch o.k., dass ich schwul bin. Ich denke schon, dass dieser Unterschied mit Mut zu tun hat.  
Sascha B.: Und: "lobenswert" war dann doch auch ironisch gemeint, weil ich es eben "lobenswert" finde, wenn jemand zu sich steht. Das wahltaktische Kalkül dabei ist risikoreich, wie Lore schon geschrieben hat. Auch wenn ich damit einigen Erwartungen nicht gerecht werde: ich bin schon bereit, Berufspolitiker ab und zu mal als Menschen anzusehen. Einen Zivilcouragepreis würde ich allerdings Wowereit NICHT verleihen wollen; da hast Du, nuckel, mit Deinen Bedenken recht.  
nuckel: ihr meint im ernst, wowi hätte dem parteitag seine gefühle gestanden, wenn nicht sicher gewesen wäre, dass sie ihn wählen? wenn er nicht vorher auch der fraktion schon seine neigungen verkündet hätte? und wenn er nicht vor den gesprächen in der fraktion bei einzelnen die umfrageergebnisse mal angetestet hätte? könnte eine berliner spd sich leisten, ihn sich öffentlich outen und dann abblitzen zu lassen? -- also, ich bin gegen dämonisierung und für realismus. soll heißen: politiker werden nicht für "mut" bezahlt. zu ihrem handwerkszeug gehört, situationen einschätzen und benutzen zu können. wenn wowereit abgeblitz wäre, dann nicht in der öffentlichkeit, sondern lange vor dem parteitag.  
brecht: "Glotzt nicht so romantisch!"  
Wauwi: Wie-so-nicht? Das dem Französischen verbundene Emmentaler-Dornfelder Stillllleben passt ganz romantisch, Ton in Ton in das Braun von Wowis Jacke. Und der Lichtblitz auf dem Schlips!  
Käsefachververkäufer: Leerdammer light!  
André V.: Ob der Wowereit nun schwul ist,oder ein ziemlich mieser Bürgermeister,sind zweierlei Schuhe.Aus Feigheit an der Mitverantwortung zur Bankenpleite mit Hilfe der SED / PDS an die Macht zu kommen,ist das Allerletzte.Die SPD verrät alle Opfer der SED / PDS Diktatur.Wowereit wird als Verräter in die Geschichte eingehen.Die Berliner und Berlinerinnen müssen der heuchlerischen Feigheit des Klaus Wowereit eine Abfuhr erteilen !!! Ziel:-- Bundes SPD 2002 in die Opposition !!! Grün -- unterm Teppich !!!SED / PDS -- in die Wüste !!!  
Hotte Kilz: Andre´, du hast deine 18% vergessen.  
Das Feuilleton: Zur weiteren Lektüre: "Extase oder Herrenwitz. Warme Brüder, zur Sonne: Ein schwuler Bürgermeister in Berlin" bei.  
Sascha B.: Hallo André: Was (und wann) war denn eigentlich die PDS-Diktatur? Da muss ich was verpasst haben... Dass Klaus Wowereit heute zum Regierenden Bürgermeister gewählt wurde, finde ich erst mal: erfrischend. Endlich mal wieder was los bei "den Oberen" in dieser Stadt! SPD / PDS / Grüne - das ist ein spannendes Experiment: die Mehrheit links der Union. - Und Wauwi: Liberté, Egalité, Fraternité, wa?!  
heinrich: hallo andré, mich würde auch noch interessieren, an wem oder was "der wowereit" denn zum verräter wird - an der cdu? na toll! am kommunismus? den gibts bisher nicht! an den kollektiven leidenserfahrung der ehemaligen bürgerinnen und bürger der ehemaligen deutschen demokratischen republik? naja... nicht zum verräter wird er jedenfalls an der freiheitlich demokratischen grundordnung des derzeitigen systems, so unbefriedigend es in seinen ausprägungen sein mag - was bitte soll "der wowereit" denn machen? sich ein bürger/innen-votum ohne wahl verschaffen, mit dem es sich alleine regieren ließe? weiter mit der cdu filzen? das willst doch wohl selbst du nicht!  
radix: sascha b., dein text ist liberallalla und dieses gewäsch von "andre v." ist genau vom selben kaliber, bloß auf der anderen seite. (schreibt man hier als bürger immer mit bürgerlichem vornamen plus nachname und punkt?) -- aber das scheint man nicht mal durch die blume sagen zu dürfen. diese kritik wird gelöscht, das liest man wohl nicht gern, da geht ja der schöne pluralismus zum teufel.  
Sascha B.: Nee, radix, ein Beitrag wie Deiner disqualifiziert sich selber. Sowas dokumentieren wir gerne. Wenn das das Niveau linker Kritik oder überhaupt eine linke Kritik sein soll, dann bin ich wirklich lieber linksliberal als linksradikal.  
mutti: eine dpa meldung von heute berichtet über das motzstrassenfest und den jubel, den die live-viedoübertragung der wahl von rosa-klausi ausgelöst haben soll. außerdem sichtete dpa überall t-shirts mit "ich bin schwul - und das ist auch gut so". soviele schwusos kann es garnicht in berlin geben, also gehe ich mal davon aus das sich wowereit allgemeiner beliebtheit erfreut. mein t-shirt vorschlag für den csd ist: "ich bin schwul und das ist auch gut so. trotzdem wähle ich gregor gysi.  
Sascha B.: Aber Du KANNST Gregor Gysi gar nicht wählen! Du MUSST die PDS wählen!  
Kolja: mutti: dein spruch iss eindeutig zu lang für ein t-shirt!  
mutti: ...stimmt, ist als t-shirt spruch irgendwie zu lang. und zu sascha: bedeutet dein einwand, daß ich garnicht wählen gehen soll?  
Sascha B.: Och, nö. Ich weiss ja, dass Du weisst, was Du tust...  
Michael: Hier ist die Seite  Ich bin schwul
Michael Freund von Wowereit: N E I N Hier ist die Seite mit dem richtigen Link  www.klaus-wowereit-und-das-ist-gut-so.de
aus etuxx aktuell vom 30.6. 2001: (AP/OA) "Und das ist auch gut so." Die Floskel ist inzwischen Kult, die Besonderheit sei allerdings, meint der Linguist Harry Walter, daß der Gegensatz zwischen den Satzteilen hinzukomme. Die Redensart habe ihren Ursprung in der biblischen Schöpfungsgeschichte, in der Bekräftigungsformel "Und Gott sah, daß es gut war". Vor diesem Hintergrund erhalte die Kombination mit "Ich bin schwul" eine besondere Brisanz. Daß sich das Zitat lange hält, ist allerdings kaum anzunehmen. Sicher ist aber, daß es sich zumindest bis zum kommenden Herbst in der Alltagssprache halten wird. Sprecherin A. Sprogies kündigte an, daß der Spruch "selbstverständlich" eine Rolle im Wahlkampf spielen wird.